Gemeinsam gegen Altersarmut – Stimmen, Perspektiven und Lichtblicke
Rückblick auf den Anlass vom 15. April 2026


Impulsreferat: Armut im Alter – hinsehen, verstehen, handeln

Altersarmut ist oft unsichtbar – auch in einem wohlhabenden Land wie der Schweiz.
Das eindrückliche Impulsreferat von Christoph Zingg begann mit einer einfachen Einkaufstüte von „Too Good To Go“ – und der Geschichte einer Frau, die mit CHF 2’297.– im Monat lebt. Nach Abzug aller Fixkosten bleibt: nichts.
Diese Realität betrifft mehr Menschen, als wir denken. Rund 300’000 Personen im Rentenalter leben trotz funktionierendem Sozialsystem an oder unter der Armutsgrenze.
Christoph Zingg machte deutlich:
Altersarmut entsteht nicht im Alter – sie ist das Resultat von Lücken im Erwerbsleben. Besonders betroffen sind Frauen, die durch Care-Arbeit, Teilzeitpensen und Erwerbsunterbrüche strukturelle Nachteile erfahren.
Was bedeutet das konkret?
Armut im Alter führt nicht nur zu finanziellen Einschränkungen, sondern auch zu sozialer Isolation und einem Verlust an Würde. Wenn Grosseltern ihren Enkeln kein Guetzli mehr mitgeben können, wird Armut spürbar.
Vier zentrale Fragen bleiben:
– Wie zeigt sich Altersarmut heute?
– Wie funktioniert unsere Altersvorsorge wirklich?
– Warum sind Frauen besonders betroffen?
– Und was können wir konkret tun?
Die Antworten liegen nicht nur in der Politik. Es braucht weniger Bürokratie, mehr Aufklärung über Ergänzungsleistungen und eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung von Care-Arbeit.
Und auch die Kirche kann eine wichtige Rolle spielen – als Ort des Vertrauens, der Information und gegen Einsamkeit. Altersarmut sichtbar machen heisst, Verantwortung übernehmen. Für ein Altern in Würde.

Podiumsdiskussion: Gemeinsam gegen Altersarmut: Lichtblicke schaffen statt wegsehen
Jeannette Büsser, Kantonsrätin Grüne Kanton Zürich
Helen Hollinger, Geschäftsleiterin Winterhilfe Zürich
Susann Thiem, Teamleiterin Sozialberatung Pro Senectute Zürich
Christoph Zingg, Pfarrer der Evang.-ref. Kirchgemeinde Oberengadin

Politische Perspektive
Jeannette Büsser erläutert, weshalb Frauen im Alter häufiger arm sind. Frauen verdienen in der Schweiz jährlich rund CHF 100 Milliarden weniger als Männer. Sie arbeiten häufiger Teilzeit, in schlechter bezahlten Berufen und reduzieren ihr Pensum etwa bei der Gründung einer Familie. Frauen seien historisch erst seit 55 Jahren politisch beteiligt, während Männer seit 1848 Einfluss hätten. Auch heute seien Frauen in politischen Gremien nicht gleich stark vertreten.
Care-Arbeit werde überwiegend von Frauen geleistet, sei aber wirtschaftlich kaum anerkannt. Länder in Lateinamerika und der Karibik gingen hier neue Wege, dass die Care-Arbeit, die Selbstfürsorge und die Fürsorge für andere einen ökonomischen Wert, einen politischen Wert erhält. Sie sprechen von „Sozialer Dimension“ oder „Care-System“.
Unterstützung in finanzieller Not – Winterhilfe Zürich
Helen Hollinger erklärt, dass die Winterhilfe primär Working Poor unterstützt. Seniorinnen und Senioren erhalten in bestimmten Situationen Sachleistungen. Finanzielle Hauptleistungen seien Aufgabe staatlich finanzierter Organisationen wie Pro Senectute. Die Winterhilfe greife subsidiär ein, insbesondere bei Ablehnungen anderer Stellen.
Altersarmut und Einsamkeit – Pro Senectute
Susann Thiem berichtet, dass Altersarmut in der Beratung alltäglich sei. Viele Ratsuchende seien mit Rechnungen, Nebenkosten oder Ergänzungsleistungen überfordert. Pro Senectute leiste finanzielle Hilfe aus einem jährlichen Budget. Der Zusammenhang zwischen Armut und Einsamkeit sei eindeutig. Aus Scham würden soziale Aktivitäten, Arztbesuche oder Vereinsleben aufgegeben. In der Beratung stehe oft die Administration im Vordergrund, während soziale Isolation leicht aus dem Blick gerate.
Unsichtbare Altersarmut – Rolle der Kirche
Christoph Zingg beschreibt Altersarmut als oft unsichtbar, weil Betroffene schlicht nicht mehr auftauchten. Das Verschwinden aus der sozialen Teilhabe sei ein zentrales Warnsignal. Er ruft dazu auf, nachzufragen, Kontakt aufzunehmen und Menschen zu signalisieren: „Ich vermisse dich.“
Christoph Zingg betont die Bedeutung partizipativer kirchlicher Angebote, die Frauen nicht zu Bittstellerinnen machen, sondern ihre Talente einbinden. Kirche könne Räume schaffen, in denen Menschen gebraucht werden, Beziehungen entstehen und Würde erlebt wird.
Zentrale Botschaften des Podiums
Armut enttabuisieren und Verantwortung teilen
Armut darf kein Tabu sein. Hilfe in Anspruch zu nehmen ist kein Scheitern, sondern Selbstfürsorge. Statt Schuldzuweisungen braucht es Verantwortung – individuell und gesellschaftlich. Gleichzeitig ist mehr Aufklärung über Ergänzungsleistungen und Unterstützungsmöglichkeiten zentral.

Hinschauen statt übersehen
Altersarmut ist oft verborgen. Umso wichtiger sind Achtsamkeit und Sensibilität im Alltag. Viele Menschen wissen nicht, wo sie Hilfe erhalten – oder der Zugang ist zu hochschwellig. Hier braucht es einfache, zugängliche Angebote und den Abbau von Vorurteilen.

Würde im Alter neu denken
Die Vision: Eine Gesellschaft, in der ein würdevolles Leben im Alter auch ohne durchgehende Erwerbsbiografie möglich ist.

Begegnung auf Augenhöhe
Es geht nicht nur um Unterstützung, sondern um echte Teilhabe. Menschen bringen Talente, Erfahrungen und Ressourcen mit – unabhängig von ihrer finanziellen Situation.
Mut zum Handeln im Kleinen
Hinschauen. Nachfragen. Kontakt aufnehmen. Engagement braucht keine offizielle Rolle – es beginnt im Alltag und kostet oft nichts, bewirkt aber viel.

Herzlichen Dank an alle Mitwirkenden, an unsere Podiumsgäste, an unser geschätztes Publikum, an die reformierte Kirche Zürich-Affoltern, dass wir den Raum kostenlos nutzen durften und an die anonyme Spenderin des Apéros. Und herzlichen Dank an unseren Fotografen Luca Argentiero.



Anlass am 15. April 2026
Anlass am 15. April 2026, 18.30 – ca. 20.00 Uhr, anschliessend Networking Ort: Ref. Kirche Stadt Zürich, Riedenhaldenstrasse 1, 8046 Zürich-Affoltern
Gemeinsam gegen Altersarmut: Lichtblicke schaffen statt wegsehen Kirche, Soziale Organisationen und Politik im konstruktiven Dialog

In der Schweiz sind Frauen im Alter fast doppelt so häufig von Armutsrisiken betroffen wie Männer – auch hier in Zürich, wo etwa jede fünfte ältere Frau auf staatliche Zusatzleistungen angewiesen ist. Ist das ein strukturelles oder ein individuelles Problem? Wie verändert Einsamkeit die Lebenssituation älterer Menschen – auch unabhängig von finanzieller Armut? Was können wir als Gemeinschaft – Nachbarn – Familien tun, um Altersarmut und Einsamkeit vorzubeugen? Welche Verantwortung tragen Politik, Kirche, Gesellschaft – und jede einzelne Person?
Über diese Fragen und über wirksame Wege zu mehr Würde, Sichtbarkeit und Unterstützung für armutsbetroffene ältere Menschen diskutieren wir gemeinsam mit Vertreter:innen aus Politik, Sozialem und Kirche.





Wir laden herzlich ein zu einem offenen Austausch, der Perspektiven verbindet und Mut macht, gemeinsam Lichtblicke zu schaffen.
Ablauf:
18.00 Uhr Einlass und Empfang
18.30 Uhr Begrüssung durch Gastgeber Lichtblick Alter
18.40 Uhr Impulsreferat (Pfr. Christoph Zingg)
19.15 Uhr Podiumsdiskussion
Ab 20.00 Uhr Apéro und Begegnung, Austausch, Vernetzen, Möglichkeit für Spenden
Der Anlass ist kostenlos. Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, freuen wir uns über eine freiwillige Spende. Diese kommt armutsbetroffenen Menschen zugute. Vielen Dank.
IBAN CH95 0070 0114 9039 1819 4
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